Eine Kirchboot Expedition durch Hamburg

von Juergen Eisner (Kommentare: 0)

Expeditionsfahrt in die Vielfalt

88 km über Elbe, Bille und Alster – für neun Rüdersdorfer Ruderer und ihren 8 Gästen ging es vom 28. April bis zum 1. Mai 2018 mit dem Kirchboot in Richtung Hamburg. Theo Kozerski berichtet von einer Rundfahrt mit Blick auf Hamburgs Perlen. Wir begannen die Tour in alltäglicher flacher Landschaft und zum Teil sogar auf öden Abschnitten und verfallenen Kanälen. Wir endeten mit stellenweise prunkvoller Umgebung im Bereich der Alster, wo man sich mit immer wieder neuen Eindrücken kaum satt sehen konnte. Ob wir diese Expeditionsfahrt wohl genau so positiv empfunden hätten, wenn die Reihenfolge umgekehrt gewesen wäre?

Prima Truppe

Wir waren mit einer sehr gemischten Mannschaft unterwegs. Der Rüdersdorfer Kern mit Heidrichs, Köhlers, Pollacks, Dirk, Doris, Falk, Gudrun, Siggi und mir als Fahrtenleiter wurde ergänzt durch unsere Gäste aus Hamburg, Katrin und Ulrich, Sybille und Klaus aus Schwerin, Rolf aus Fredersdorf und Ines aus Spreenhagen. Sehr viel über die Stadt, die Wasserstraßen, den Hafen und die Regattastrecke konnten uns die Ortsansässigen, wie Ulrich Rothe als Landes-Wanderruderwart und Kenner aller Ruderreviere, erzählen. Klaus Lange aus Lübeck, der uns schon bei der Vorbereitung geholfen hatte, war am Montagabend extra angereist, um eine kleine Stadtführung zur Entwicklungsgeschichte und Architektur zu geben. Das war der kulturelle Höhepunkt, den wir in Angesicht der grandiosen neuen Elbphilharmonie auch sehr auskosten konnten. Ein überaus gelungener, von Gudrun organsierter, kultureller Auftakt war ein Jazz-Abend im Cotton-Club- Keller. Die Jugendherberge „Am Stintfang“ mit herrlichem Ausblick auf den Hafen gleich an den Landungsbrücken und der S-Bahn-Station bot trotz der Sechs-Mann-Zimmer mit ihrer Bar auch noch Entspannung vor dem Schlafengehen. Wir hatten zwar nicht sehr viel Zeit, aber die Abläufe waren so organisiert, dass viele Fotopausen möglich waren und keine Hektik aufkam.

Günstig war gleich am ersten Tag, dass sich Rainer bereitfand, unseren Kleinbus durch die  Stadt zu fahren, denn damit konnten wir ohne Linienbus und Wartezeiten die fast 2 km zwischen dem RC Süderelbe und dem Bahnhof Harburg zügig bewältigen.

Mit Tide und leichtem Wind gegen die Strömung

Gleich nach der Ankunft in Hamburg ruderten wir auf der großen Regattastrecke Allermöhe, allerdings mit kurzem Abstecher zum Landhaus Voigt an der Gose Elbe. Wohl gestärkt ging es die Dove Elbe bis zur Mündung. Auf der Norderelbe fuhren wir 6 km stromauf bis zur Süderelbe. Die Gezeiten-Strömung und der Wind sorgten dafür, dass wir bergaufwärts auch segeln konnten. Während der nur 10-minütigen Pause am Wohnwagen-Aufstellplatz Bunthausen stieg der Wasserspiegel um 20 cm, was auch bedeutet, dass ein bequemes Aussteigen hier keinesfalls immer möglich ist. Natürlich wussten wir, dass der Tidenhub mehr als 3,5 m betragen kann, aber ihn selbst zu erleben, war schon eine tolle Sache. Nach 18 Tages-Kilometern fuhren wir mit S-Bahn und/oder Opel-Bus zur Herberge, richteten uns ein und aßen gut zum Abend.  Um 20:30 Uhr begannen die sechs Herren und eine jüngere Sängerin in der Kellergaststätte mit dem begeisternden Jazz.

Quer durch den Hafen

Das freundliche Frühlingswetter hielt an. Locker ruderten wir auf der Süderelbe bis zum relativ neuen Kohlekraftwerk. Der benachbarte Containerhafen mit riesigen Schiffen beeindruckte genauso wie die sehr hohe Köhlbrandt Brücke, von der man sagt, dass sie nach gut 30 Jahren dem Verkehrsaufkommen an schweren LKW nicht mehr gewachsen ist und ersetzt werden muss.  Wir bogen rechts ins Hafengebiet ein, wo einstmals emsiger Betrieb von Schleppkähnen und Güter-Binnenschiffen herrschte. Emsig waren hier aber nur noch viele Barkassen mit ihren hohen Wellen, denen wir meist gut ausweichen konnten. Ein großes Kreuzfahrtschiff lag in einem der Häfen, von denen einige auch die Namen von Oder, Spree, Trave und Moldau führen. Im Spreehafen hatten sich Tausende von Kubikmetern Schlamm abgelagert, der bei Niedrigwasser wie eine große Sandbank aus dem See herausragte. Vor einem Sperrwerk mit riesigen Toren hatten wir eine kurze Pause einlegen müssen.  Durch den Peutekanal ging es zur Norderelbe und hier ca. 300m stromab zu „Ulis“ Bootshaus der Wanderrudergesellschaft „Die Wikinger“, wo uns die mitgeführten Vorräte an Brot, Buletten und Kuchen stärkten.

Beeindruckend war bei unserer Hafenrundfahrt der unübersehbare und stetige Wandel der Wirtschaft und des Verkehrswesens. Neben den intakten Objekten gab es viel Stillstand und Verfall, aber auch neue und schöne Industriebauten. Noch krasser sollte es im Gebiet der Bille werden, wo die letzten von 65 Kilometer vor sehr vielen Jahrzehnten, als es noch keine LKW gab, zu einem großen Hafen-  und Industriegebiet erweitert worden war. Die Kanäle waren relativ breit und gerade. Die Grundstücke sind jetzt oft Abstellplätze und unschöne Orte.  Erst im Gebiet der „Rudervereinigung Bille“ wurde es besser. Im letzten naturgegebenen Bogen der Bille fühlte man sich dann wohler, fast in die Berliner Müggelspree mit den vielen Kleingärten versetzt.

Wir fuhren dann wieder auf kürzestem Weg zur Elbe zurück, um zum Architektonischen Höhepunkt, der neuen Elbphilharmonie, zu gelangen. Etwas Wind, viel Sonne und wenig Schiffsverkehr ließen eine längere Treibpause zu.  Viele Fotos entstanden bevor wir in die Alster einbogen. Nach 2 Schleusen landeten wir beim RC Allemania an, wo uns der freundliche „Gute Geist des Hauses“ einen prima Liegeplatz für das Boot zuwies. Er führte uns auch zum Hauptbahnhof, von dem uns die S-Bahn schnell zum Quartier und Abendessen brachte.  Es war ein höchst abwechslungsreicher Tag.

Ein eindrucksvolles und für die meisten Teilnehmer unbekanntes Ruderrevier mit mehr als zehn, zum Teil sehr bedeutenden, Ruder-Clubs, galt es am dritten Tag zu erleben: die Alster. Da Schauerwetter angesagt wurde, steuerte ich auch gleich den Osterbek-Kanal an, wo es viele Brücken gibt. Die dritte war für eine kurze Ruder-Unterbrechung sehr gut, denn die ersten der vielen Eindrücke waren zu verarbeiten: Gartenkultur, Villen, ehemalige städtische Hafenanlagen, Wohngebäude sehr verschiedener Größe sowie Handelseinrichtungen säumten die oft sehr hohen Ufer. Manchmal grüßten auch nette Damen während ihrer Tee-Pause vom Balkon. Es gab etliche Sportboote. Einige Kanus hingen sogar über dem Wasser am Balkon. Meist hatten am Ufer auch grüne Bäume und Büsche Platz. Wir fuhren bis nach Dulsberg, wo die Kanalisierung der Osterbek nach 4,5 km endete. 1,5 km lang hatten wir nun die Freude, das Erlebte von der anderen Seite her zu besichtigen, bevor wir nach Norden zum Goldbek-Kanal wechselten, der eine weniger hohe und nahe Bebauung hat. Auch hier begegneten uns Gruppen mit (vorwiegend Paddel-) Booten. Eine Ehrenrunde haben wir auf dem Stadtparksee gefahren, zu dem auch ein sinnvoll gebauter Naturbad gehört. Über den Rondelkanal erreichten wir wieder die seenartige Außen-Alster, der wir stromauf nach Norden folgten. Ziel war nun das Wehr Olsdorf, vorbei an Eppendorf mit seinen Villen und parkähnlichen Gärten. Hier fanden wir auch öffentliche Parkbänke, die zum Picknick sehr geeignet waren.

Beeindruckend war nicht nur diese Wasserstraße, wo gerade wenige Fahrgastschiffe verkehrten, sondern auch die vielen Abzweigungen, die früher sicher für Trockenlegung und Güterverkehr von Bedeutung waren. Überall begegneten uns auch Vierer, Achter und Zweier verschiedener Vereine beim Freizeit- und Erholungssport. Uns fiel noch der Lärm von den ganz in der Nähe landenden Flugzeugen auf. Die Hamburger Ruderer stört das wahrscheinlich weniger, wie bei uns die Grünauer und Tegeler Wassersportler.

Über die Außen- und Binnen-Alster ging es mit einem kurzen Zwischenstopp beim nun bekannten und beliebten RC Allemania gleich weiter zu den beiden Schleusen. Es hatte begonnen ständig leicht zu regnen. Unmittelbar hinter der Alstermündung befindet sich der City-Sporthafen Hamburg e.V., wo wir angemeldet waren. Als sich der sehr freundliche Hafenmeister daran erinnert hatte, ging alles sehr schnell, denn wir sollten mit vielen Fendern als Puffer dort anlegen, wo dran stand „Anlegen Verboten“. Das kam uns sehr entgegen. Wir lagen noch vor der Überseebrücke in der schmalen Nebenfahrrinne, wo wir am 1. Mai früh gegen 9 Uhr nach Blankeneese abfahren wollten.

Dazu sollte es aber nicht kommen, denn es stürmte hier am 1. Mai so intensiv, dass es gefährlich erschien, auf der breiten und von vielen Schiffen befahrenen Unterelbe unbeschadet stromab zu rudern. Jan und ich suchten noch vor dem allgemeinen Aufstehen nach einer Alternative und fanden sie stromauf bei Entenwerder, wo es eine bequeme Zufahrt für den auch schwimmenden „HAFENCITY RIVERBUS“ gibt. Mit vielen Schlenkern in der sehr interessanten Speicherstadt landeten wir dort bereits gegen 11 Uhr etwas durchfeuchtet an und konnten früher als geplant die Heimfahrt antreten.

Berichtet sei aber noch von dem sehr schönen Abend vor dem 1. Mai in der Hamburger Altstadt. Dem relativ frühen Abendessen am Großneumarkt folgte ein Rundgang mit sehr vielen interessanten Fakten, die uns Klaus kurzweilig offerierte. Die Krönung war der Besuch des Braukellers Gröninger, eine fast 100 m lange Gaststätte mit sehr vielen großen bis sehr kleiner Abteilungen und Ecken in altem Gemäuer. Wir blieben gleich in Ausgangsnähe sitzen, denn es war ja nur eine einzige Runde für alle angesagt, die auch im Handumdrehen vom recht jungen Personal serviert wurde. Die Kürze dieser Pause hatte den Vorteil, dass wir alle noch zu Fuß durch die Speicherstadt ziehen konnten. Einige Frauen zog es ganz dicht an die herrlich erleuchtete Elbphilharmonie heran. Aber auch die, die ganz dicht bei unserem Boot von der Kaimauer Ausschau hielten, hatten ihre Freude an dieser tollen Hafenstadt.

Hans-Peter „Theo“ Kozerski

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